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Do 12.5. Limoux - Carcassonne - St. Pons 125 km: Auf eigene Faust


Limoux
Früh rumoren schon die Handwerker im Haus. Ein Frühstück inmitten des Bautrubels bekommen wir natürlich nicht und begeben uns in eine der beiden Bars am zentralen Platz. Über die Brücke erreichen wir dann die Nebenstrecke, auf der wir nach Carcassonne fahren wollen.

Heute ist übrigens Himmelfahrt oder Vatertag, fällt uns irgendwann ein. Verstärkt begegnen uns nämlich Radfahrer, die in sportlichem Dress durch die Gegend eilen. Auch eine Familie im ordentlichen Verband befindet sich auf Radtour. Aber das ist die Ausnahme, normalerweise gibt sich der Franzose, wenn er schon Rad fährt, auf die sportliche Art.


Die Felder dampfen

Der letzte Blick auf die Pyrenäen
Die Felder dampfen vom Regen der Nacht. Die Pyrenäen leuchten weiss, sicher hat es bis unter 2000 m hinunter geschneit. Wir fahren nun nordwärts und müssen von den Bergen Abschied nehmen. Aber die Ablösung ist schon in Sicht, hinter Carcassonne bauen sich neue Berge auf als Montagne Noir oder Haut Languedoc. Thomas wird das nicht mehr betreffen, er ist schon innerlich auf dem Abflug. Aber ich wetze noch die Messer.


Carcassonne
Carcassonne steht und fällt mit der Cite, der mittelalterlichen Oberstadt. Umschlossen von gewaltigen Stadtmauern bietet sie dem Touristen ein einzigartiges Ziel. Busse aus allen Teilen Europas treffen sich auf dem Busparkplatz. Eine Führung wird auch in deutsch durchgeführt, ich horche kurz hinein. Da wird erklärt, dass die französischen Friedhöfe vorwiegend aus Stein gebaut sind, die Blumen in den heissen Sommern schnell verwelken, und dass in den Befestigungsgräben sich früher Wasser befunden habe. Mehr brauche ich nicht für meine Bildung anzuhören.

Wir wandeln ein wenig durch die engen Gassen. Klar, dass hier wieder hauptsächlich der Souvernirhandel dominiert. Ganz nette Restaurants gibt es auch noch, aber wir können nur eines ausprobieren. In diesem bestehen die Beschläge und Wasserhähne auf der Toilette aus massivem altertümlichen Messing.

Und nun zu guter Letzt zum Bahnhof. Auf dem Weg dorthin macht Thomas einen Versuch, bei einer Busgesellschaft, sagen wir mal Sauter-Reisen, für die Heimfahrt unterzukommen. "Hallo Ihr Sauters " ruft er den Gästen zu. "Ich will nach Hause". Aber die fahren noch nicht zurück nach Deutschland. Am Bahnhof gibt es allerdings einige Verständigungsprobleme. Der Schalterbeamte weigert sich kategorisch, in einer anderen Sprache zu verhandeln, nicht in Englisch und schon gar nicht in Deutsch.

Bei einem Hintereingang finden wir zwei Bahnbeamte, die sind hilfsbereiter. Besonders der eine, der hat wohl schon ordentlich getankt. Jedenfalls wird Thomas' Fahrrad erstmal als Gepäckstück abgefertigt. Er hat noch nicht einmal bezahlt, da ist das Rad schon in den gerade abfahrenden Zug nach Paris- Austerlitz verladen. Eine Fahrkarte nach Strassburg besorgt er sich anschliessend, dann bleibt eigentlich nur noch, sich zu verabschieden, ich scharre schon wieder vernehmlich mit den Hufen.

Während Thomas noch an seinen Sachen herumrödelt, rolle ich aus dem Bahnhofsgelände, der neuen Freiheit des Einzelfahrers entgegen.

Erst fühlt man sich nun doch etwas schwummrig in der neuen Rolle, doch bald nehmen einen die Eindrücke am Wege wieder so gefangen, dass man keinen Sinn für trübe Gedanken hat.

Der Weg führt auf die Berge zu, bei leicht südlichem Wind und Sonnenschein eine schöne Sache. Vor mir fährt ein Rennfahrer in gemächlichem Tempo. Um ihn nicht zu überholen halte ich erstmal an und passe die Bekleidung dem warmen Wetter an. Dann muss ich den sportlichen Fahrer doch überholen, es handelt sich um einen radfahrenden Methusalem. Selbst der ausgeblichenen Radlerhose sieht man die zahlreichen Fahrkilometer an. An einer Abzweigung schaue ich mich kurz um und erschrecke, der Radfahropa hat sich an mein Hinterrad gehängt und fährt im Windschatten, das habe ich gar nicht gemerkt. Hoffentlich habe ich mich nicht daneben benommen.

Bei der sich anschliessenden Steigung fahre ich langsamer, da überholt er mich und nun fahre ich im Windschatten. Nach einer Weile komme ich mir aber schäbig vor, so einem alten Herrn die Arbeit zu überlassen. Wie bei einem eingespielten Team übernehme ich wieder die Führung. Eng bleibt der Opa an meinem Hinterrad und schweigend bolzen wir ein paar Kilometer ab.

In Caunes-Minervois kommt dann die Abzweigung in Richtung Col de Salette, den ich mir für heute noch vorgenommen habe. Da ruft es mit brüchiger Stimme hinter mir "Bonne Route!" und mit einem Winken verabschieden wir uns. Das war doch mal eine nette Episode!

Nun geht es bei mässiger Steigung ein enges Tal hinauf. Der Wind bläst von hinten, das kann man immer brauchen. Überall leuchten gelb die Ginsterbüsche. Hoch oben im Tal liegt der nächste Ort Citou verwunschen an die Berghänge geklebt. Die Leute geniessen die Nachmittagssonne und haben die Stühle auf die Strasse gestellt. Da fliegt mancher freundliche Gruss hin und her. Häufig findet man Wassertröge, wo frisches Wasser aus einem Rohr fliesst. So habe ich mit dem Auffüllen der Trinkflasche keine Probleme, in der Hoffnung, mir keine Salmonellen oder Steptokokken oder sonstwas einzufangen.


Ginster

Der Ort Citou

Weiter oben fährt man unterhalb einer alten Burg, nach Umfahren von ein paar Serpentinen findet man sich über ihrem Turm wieder. So langsam halte ich schon Ausschau nach dem Ende des Anstiegs.


Orchidee
Viele leuchtendrot blühenden Orchideen stehen an der Strasse. Das verkürzt einem etwas den schweisstreibenden Aufstieg. Gut dass man vorher immer nicht weiss, wie lang so ein Anstieg ist, dieser will und will nicht enden. Immerhin sind von einer Höhe von etwa 100 m bis zur Passhöhe von 913 m über 800 Höhenmeter zu erklettern.


Wilde Stiefmütterchen
Einmal geht alles zuende, auf der Höhe eines Passes kann man immer stolz auf die vollbrachte Leistung sein. Die Abfahrt wird schnell wieder gestoppt: die Wiesen sind blau von wilden Stiefmütterchen, die müssen erst einmal fotografiert werden.

Wenig später ein Aussichtsfelsen, der Roc Suzadu. Ein Mann liegt in der Sonne auf einer Bank. Ich turne um die Felsen herum und mache ein Foto. Da erscheint die zu dem Mann gehörige Frau mit einem Büschel Orchideen in der Hand. Zum Glück reichen meine Sprachkenntnisse nicht aus, darob eine Diskussion in Gang zu setzen.

Es folgt der kleine Ort Verrieres, der liegt ganz unten im Talgrund und hat sich wohl zu keiner Zeit einer besonderen Bedeutung erfreut. So steht man nachdenklich vor einer Gedenktafel für Opfer des Widerstandes (Resistance) während des Weltkrieges. An die 10 Leute dieses Ortes, auch Frauen dabei, sind aufgeführt. Welche Tragödien sich um die Hintergründe ranken mögen. Mein Französisch reicht aus, um zu übersetzen: "Ihr seid gestorben, damit wir leben". Sowas steht auch auf unseren Gedenksteinen - wie sinnlos das alles ist!

Nun geht es nur noch hinab nach St. Pons, meinem heutige Ziel. An der Kreuzung ist das Hotel, wo ich mein Zimmer bekomme. Das Fahrrad wird in einer Garage, gross wie eine Katakombe, untergestellt. Im Ort gibt es nicht viel zu sehen, ein paar enge Gassen und dunkle Häuser. Die Bordsteine sind aus Marmor, davon scheint es in der Gegend genug zu geben.

Mein Abendessen ist heute ein Volltreffer: Truit aux Roquefort. Das entpuppt sich als Forelle mit Käse überbacken und schmeckt äusserst lecker. Leider sind die Pommes eher ein kulinarischer Fehlgriff.

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