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Dienstag, 26.5. Zingst - Stralsund - Hiddensee 50 km

Der Morgen beginnt mit dem Frühstücksbuffet, das leider von einer stark schwäbelnden Reisegruppe ziemlich geplündert wirkt. "Bringsch mi no a Gselz", "Nimmeh viel do, abber für mi reichts no grad" usw. Einer schmiert sich Brote und packt sie in der Serviette ein. Ich vergesse fast das Kauen. Nach vier Gläsern Saft und zwei Kännchen Tee brechen wir auf. Viel ist heute nicht zu leisten, nur bis Stralsund und dann per Schiff nach Hiddensee.

Von Zingst hinüber zum Festland führt eine Drehbrücke, rechts fahren wir an einem Bahndamm entlang, der voller Waggons steht. Wir passieren Barth mit der Marienkirche, sortieren uns am Bahnübergang erst falsch, dann richtig auf der Strecke nach Stralsund ein. Hinter Barth gibt es eine ordentlichen Steigung, es ist der Glöwitzer Berg mit 34 m Höhe. Da sieht man nochmal zurück auf die nördlich vorgelagerte Landzunge von Zingst.

Desweiteren geht es auf Alleen dahin. Auf dieser Tour muß man mal davon ausgehen, daß eine Alleestrecke das Normale ist. Linden, Eichen, Buchen, Ahorn, in Heidegegenden Birken werfen einen wohltuenden Schatten, den Wind halten sie aber kaum ab. So fahren wir mit dem vertrauten Ohrensausen unseres Weges, wird es einmal still im Ohr ist Vorsicht geboten, womöglich sind wir auf einer falschen Route und die Richtung stimmt nicht mehr. Dabei hat Rainer einen Kompaß mit, den brauchen wir gar nicht.

Nach 12 km von Barth biegen wir links ab auf eine Nebenstrecke. Rainer fährt wieder wie ein Wilder voraus, nach genauem Kartenstudium kann ich ihn akkustisch gerade noch erreichen, dies war die falsche Abzweigung. Die richtige kommt dann erst einen km weiter. Auch Stralsund kündigt sich rechtzeitig mit seiner imposanten Skyline an, unsere Einfahrt von Norden allerdings führt an dem "Entsorgungspark", auf Deutsch "Müllkippe" vorbei. Das wäre nicht so schlimm, aber die Straße ist gespickt mit Glasscherben, zum Glück haben wir aber weder hier noch auf der ganzen Fahrt eine Panne irgendwelcher Art.


Stralsund

In Stralsund geraten wir direkt auf den Marktplatz: Fototermin. Dann schieben wir unsere Räder durch den mit Glas überdachten Innenhof des Rathauses. Ein Stück Ossenreyer Straße, da ist Wochenmarkt. Wir fragen uns zum Hafen der "Weissen Flotte" durch, da soll um 12 Uhr unser Schiff nach Hiddensee ablegen. Fahrkarten lösen, ein Würstchen in der nahegelegenen Imbißbude, dann ist es soweit. Es weht eine steife Brise, wir ziehen uns warm an. Der Rügen - Hiddensee - Dampfschiffahrts - Kapitän kommt dagegen ganz schön ins Schwitzen, denn er bringt beim Ablegen das Schiff gegen den auf der Breitseite stehenden Ostwind nicht auf Kurs. Er muß nochmal zurücksetzen und anders herum drehen, was nur mit erheblicher Unterstützung der Hafenmole glückt.

Dann aber hinaus, die Türme von Stralsund bieten ständig wechselnde Perspektiven, verschieben sich gegeneinander, dann in weiterer Entfernung die Silhouette wie ein Scherenschnitt.




Stralsund von der Seeseite
Rechts gleitet die Küste von Rügen mit blühenden Rapsfeldern vorbei. Schwäne dümpeln auf den Wellen, Möwen zirkeln fast ohne Flügelschlag ihre Kunstfiguren über der See. Vor uns ein Frachtschiff nach Rostock, das holen wir langsam ein und ziehen vorbei.

Rainer interessiert vor allem die segelnde Konkurenz. Ein Boot mit extremer Schräglage findet seine besondere Mißbilligung, selbst ich als Nichtsegler muß ihm da zustimmen. Ferner sind die komplizierten Gewässer zwischen Rügen und Hiddensee interessant. Die See ist sehr flach, die Verzweigung der Fahrrinne hat die Form eines Schwalbenschwanzes, wehe man kürzt da ab. Das kriegt der Laie gar nicht mit, man muß schon ein Experte sein! An einer Stelle sieht aber auch die Landratte, wo das Wasser wegen des ansteigenden Grundes wie mit dem Lineal gezogen in eine gelbe Farbe übergeht.

Im Reisefüher ist die interessante Vermutung nachzulesen, daß ohne die regelmäßigen Baggerarbeiten für die Fahrrinnen vermutlich längst das Fischland, Darß, Zingst und schließlich Hiddensee eine langgezogene, zusammenhängende Landzunge bilden würden. So arbeitet die Ostsee hier wie überall, sie trägt Land ab und lagert es an anderen Orten wieder an.

Hiddensee liegt voraus, man kann schon die Orte erkennen, die im Norden liegenden Anhöhen von Swantberg, 65 m, und Bakenberg mit Leuchtturm, 72 m. Wer auf Hiddensee war, schwärmt davon. Rainer war auch schon da, hat aber noch nicht viel von der Insel gesehen - schwärmt aber trotzdem. Was ist nur dran an diesem Stück "seuten Länneken", wie die Einheimischen ihren Landfetzen nennen? Voran Gerhart Hauptmann, dann Thomas Mann bis Albert Einstein haben hier "Ooh" und "Aah" gesagt, erstgenannter G.H. hat sogar auf der Insel seine letzte Ruhestätte gefunden. Außerdem hat man ihm eine Gedenkstätte geweiht, obwohl G.H. sich eher arrogant den Inselbewohnern gegenüber gezeigt haben soll. Heute lebt man vom Tourismus, so steht es im Informationsblatt, das erklärt so manches.

So bin ich eher kritisch eingestellt, beim Anlegen ist auch noch nichts besonderes zu sehen. Rainer zeigt voll Stolz auf ihren Liegeplatz vor zwei Wochen neben der dicken einheimischen "Ute". Für unseren Liegeplatz zur Nacht steuern wir das "Hotel am Meer" in Neuendorf an. Leider alles besetzt. So versuchen wir es gleich gegenüber. Eine sich sonnende Dame ist nicht kompetent, weil sie auch nur Gast ist. Die Hauswirtin ist nicht aufzutreiben. Also ein Haus weiter, hier wohnt Frau Mittelbach. Ein Zimmer - ja, das ginge, aber nicht unter laufendem Wasser waschen, weil sonst die Sickergrube zu schnell voll wird. Für jeden DM 20.-, das können wir uns leisten.

So ein Quartier wünscht man sich
Der Rest des Tages steht für die Erkundung der Insel zur Verfügung. In Neuendorf stehen alle Häuser mitten in der Wiese. Erst nach einigem Nachdenken kommt man darauf, woran das liegt. Es gibt ja keine Autos auf Hiddensee, was braucht man da Wege, Zufahrten und Garagen. Da kann jeder laufen wie er will. Ich verteile meinen ersten Pluspunkt. Wir fahren nun auf unseren gepäckfreien Rädern nach Norden (Gegenwind) Richtung Vitte durch das Naturschutzgebiet Dünenheide. Auf einer Weide zottige schwarze Rinder - die "Hiddenseekuh", aber sicher aus Schottland importiert.

Ansonsten blühender Ginster vor den grünen Hügeln der Nordinsel. Weite Flächen bewachsen mit Heide lassen ahnen, was hier im Spätsommer während der Heideblüte los sein mag.


Ginster und Seegras


Vitte ist ein Straßendorf, ein kleiner Hafen, eine Aalräucherei. Letztere spukt mir noch eine Weile im Kopf herum. Wir fahren aber weiter nach Norden nach Kloster. Hier wird es schon richtig bergig, an der Dorfstraße finden wir wieder ein uns zusagendes Cafe. Wie immer keine Kritik am Dargebotenen. In der Nachmittagssonne arbeiten wir uns weiter bergwärts vor, zwischen kahlen Wiesen mit Trockenrasen führt die einzige Betonpiste bergauf. Man möge raten, wo man herauskommt, kurz und schmerzlos: an der Müllkippe. Ist mir auf Usedom schon mal genauso passiert!

Vergessen wir das schnell, wählen einen Trampelpfad, nehmen dafür das Schieben in Kauf. Auf einer kleinen ebenen Fläche geht es nicht mehr weiter, eine Absperrung. Richtung Osten sieht man weit über Rügen hin, wer es sich einbildet, sieht von Kap Arkona bis Jagdschloß Granitz. Weiter vorne die beiden Landzungen Neu- und Altbessin an der Nordspitze von Hiddensee. Die Farben blau, grün, gelb - ein Aquarell.

Nun aber durch die Absperrung. Luft anhalten - Steilküste! Man kann sich direkt an die Kante in das Gras legen und schauen. Jetzt kann man die restlichen Pluspunkte an Hiddensee verteilen. "Da gibt es wohl nicht viele Plätze in Deutschland, die schöner sind" fabuliere ich vor mich hin. 70 m unter einem die See, alles funkelnd von der Sonne. Gelb das Steilufer aus Lehm und Sand, Sandornbüsche haben sich einen kargen Platz zum Leben erkämpft. Na und so weiter, das kann man mit Worten nicht beschreiben. Sicher auch nur unvollständig mit Fotografieren.


Steilufer

Blick nach Osten
Wir schlagen uns zum Leuchtturm durch. Im Sanddorngebüsch singt eine Nachtigall - so langsam wird es kitschig. Sie zieht alle Register ihres Könnens, und das sind einige.

Der Leuchtturm wiederum, mit grobem Putz beworfen, ist potthäßlich. Zur See hinunter zieht sich ein buschbewachsener Einschnitt, das wirkt wie ein Mini-Urwald. Nach wenigen Metern durch Kiefernwald ereicht man dann den "Inselblick" am Waldrand oberhalb von Kloster. Hiddensee liegt nach Süden ausgebreitet vor einem. Die Sitzbänke sind hier normalerweise belegt. Dann sollte man sich ins Gras legen, das ist noch viel schöner. Und Zeit muß man haben!

Inselblick
Benommen machen wir uns an die Rückfahrt. Es geht steil hinunter, die Bremsen quietschen und man ist wieder in Kloster. Für den Rückweg wählen wir den Weg am Strand entlang, auf der Uferbefestigung kann man schön fahren und hat gleichzeitig den Blick auf das Meer. So kommt man auch nicht nochmal an der Aalräucherei vorbei. Jetzt bläst uns der Rückenwind voran, da merkt man mal, wie schön das sein könnte.

In Neuendorf nochmal an den Hafen, zwei private Segelboote liegen an der Mole. Da sich der Hunger meldet, wird nicht lange gefackelt und im "Hotel am Meer" speisen wir uns eins. Der Abend ist noch jung, da marschieren wir an den Strand an der Westseite, danach noch etwas nach Süden Richtung Leuchtfeuer. Auf dem Rückweg versucht Rainer vegeblich, an einer umlagerten Telefonzelle ein Telefongespräch nach Hause in Gang zu bringen.

Ich gehe schon mal vor zum Abschlußbier. Im Restaurant sind alle Tische belegt, ich suche mir die braungebranntesten Tischgenossen aus, ein Ehepaar etwas älter als unser Jahrgang. Ich fange beim ersten Bier an, die Tagebuchnotizen weiterzuführen. Weit komme ich nicht, bei einer Eisportion mit einer Palme aus Papier albern meine Tischgenossen herum und wir kommen in's Gespräch. Ich fackle gar nicht lange und frage, ob die beiden mit einem Segelboot hier seien. Das ist der Fall. Insgeheim reibe ich mir die Hände, da wird der Rainer staunen, wenn er vom Telefonieren kommt. So ist es auch - nur daß ich den Rest des Abends nicht mehr viel zu Wort komme.

Nun ist, was weniger lustig ist, unser Segelfreund linksseitig durch eine gesundheitliche Beeinträchtigung behindert. Dadurch ist er gezwungen, noch vor Einsetzen der völligen Dunkelheit sein Schiff aufzusuchen, weil er, was wieder lustiger ist, dieses nur auf allen Vieren durch Überwinden einer im Wasser stehenden Pfahlreihe in Längsrichtung erreichen kann. Als wir uns das am nächsten Morgen ansehen, müssen wir zugeben: Respekt!

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